Infektionen in der Gefäßchirurgie und das Mikrobiom

Verständlicherweise ist die Angst der Patienten vor Infektionen, die im Krankenhaus erworben werden, sehr groß. Eine Infektion ist im Einzelfall auch eine sehr gefährliche Angelegenheit. Insbesondere Resistenzen gegen Antibiotika spielen eine zunehmende Rolle. Auch der Mangel an neu entwickelten antibiotisch wirkenden Medikamenten ist ein wichtiger Faktor in der Behandlung von Infektionserregern.

Trotz aller Gefahr, die Infektionen in sich bergen, sollte man sich vergegenwärtigen, dass wir in einer symbiontischen Lebensgemeinschaft mit allen Keimen und Lebewesen auf und in uns leben und dass bei der Gesamtheit aller Zellen des menschlichen Körpers nur etwa 10 Prozent menschlichen Ursprungs sind. Wir werden etwa von 100 Billionen Bakterien besiedelt. Weiterhin leben noch andere Einzeller, Viren und Pilze auf und in uns. Teilweise wurde ursprüngliches Virus-Genom auch vollständig in das menschliche Genom integriert.

Im Rahmen des human microbiome genom-Projekts wird versucht die Gesamtheit der Organismen, die mit uns leben, genetisch zu entschlüsseln. Das Zusammenspiel all dieser Organismen ist bisher nur in Ansätzen erforscht. Wir wissen nur, dass unsere zivilisatorische Lebensweise zu einer Artenverminderung insbesondere in unserer Darmflora führt. Ohne diese Mannigfaltigkeit der Organismen, die uns besiedelt, ist gesundes Leben wahrscheinlich nicht möglich. Das bedeutet aber auch, dass durch antibiotische Eingriffe eine starke Schädigung und Zerstörung, dieses ausgewogenen Miteinanders herbeigeführt werden kann. Wahrscheinlich werden sogar durch die Störung oder Zerstörung dieser Symbiose viele Krankheiten negativ beeinflusst, wenn nicht sogar versursacht.

Beispiele sind entzündliche Darmerkrankungen (Colitis ulcerose, Morbus Crohn) und teilweise auch Autoimmunerkrankungen (z.B. Vaskulitiden). Auch für Nervenerkrankungen wie die Encephalitis disseminata wird ein solcher Zusammenhang diskutiert. Eine antibiotische Therapie muss also immer auch im Zusammenhang mit diesen möglichen negativen Begleiterscheinungen gesehen werden.

Gerade in der Gefäßchirurgie sind aber Infektionen besonders gefährlich, insbesondere nach einer Implantation von Fremdmaterial wie Prothesen und anderen Kunststoffmaterialien. Eine prophylaktische Gabe von mikrobiell wirksamen Substanzen bei abgestorbenem Gewebe zum Beispiel am Fuß ist aber normalerweise nicht gerechtfertigt, schon gar bei vorgeschalteter stenotischer Atherosklerose, da hier keine guten Wirkspiegel um das abgestorbene Gewebe zu erzielen sind.

Noch mehr als früher müssen viele Begleiterwägungen bis zur Entscheidung pro/kontra Antibiose angestellt werden. In Zukunft müssen sicher ganz neue Konzepte für die Art und Dauer einer antibiotischen Therapie entwickelt werden. Weiterhin ist die Entwicklung neuer Substanzen in der mikrobiellen Therapie eine zwingende Voraussetzung für eine erfolgreiche antibiotische Therapie in der Notfallsituation. Natürlich muss auch forciert geforscht werden wie ein gutes symbiontisches System im Menschen funktioniert und wie es auf Dauer erhalten werden kann, auch unter einer antibiotischen Therapie.